Stephansturm

Stephansturm vor der Sanierung
Eingang zum alten Friedhof vor der Sanierung
Stephansturm nach der Sanierung
Stephansturm nach der Sanierung

„Die Gemeinde Ensdorf besitzt mit dem Stephansturm eines der ältesten vollständig erhaltenen Bauwerke Bayerns und ein fast tausend Jahre altes Zeugnis christlichen Lebens in der mittleren Oberpfalz. Die Sicherung und Erhaltung dieses überregional bedeutenden Bauwerks muss ein wichtiges Anliegen aller an der Sanierung beteiligten Institutionen und Personen sein.“
Mathias Hensch, Archäologe

Geschichte

Das Ensdorfer Wahrzeichen Stephansturm – einer der ältesten freistehenden Kirchtürme Bayerns – wurde um das Jahr 1075 erbaut. Dies ergaben dendrochronologische Untersuchungen (Untersuchungen von Jahresringen) an im Turm noch befindlichen Resten des Bauinnengerüstes.

Ensdorf ist eines der ältesten Klöster der Oberpfalz. Die Herren von Pettendorf-Lengenfeld-Hopfenohe waren in dieser Region sehr begütert und hatten im 11./12. Jahrhundert großes politisches und wirtschaftliches Gewicht. Tochter Heilika und ihr Mann Pfalzgraf Otto von Wittelsbach wurden 1121 die Gründer des Ensdorfer Benediktinerklosters. Der Stephansturm ist nach Expertenmeinung ein letztes Überbleibsel einer Ansiedlung, die bereits vor der Klostergründung bestand. Ensdorf muss damals wohlhabend gewesen sein und eine wichtige Funktion in der Politik der Region gehabt haben, sonst hätte es hier zu dieser Zeit keine Kirche aus Stein gegeben. Die bauhistorische Untersuchung hat auch ergeben, dass der Turm von Anfang an ein Glockengeschoss mit wahrscheinlich mehreren Glocken gehabt hat – ein weiterer Hinweis auf den Reichtum der Erbauer und der Region im verkehrswichtigen Vilstal.

Der Turm gehörte zur Pfarrkirche St. Stephan. Archäologische Untersuchungen in den letzten Jahren haben ergeben, dass es um den Stephansturm drei zeitlich aufeinander folgende Kirchenbauten gegeben haben muss. Der erste Bau fällt ins 10. Jh., und der Stephansturm wurde dann als echter Campanile freistehend daneben gesetzt. Für das 12. und dann 14. Jh. konnten zwei weitere Kirchenbauten nachgewiesen werden. Letzterer war der, der bis zur Säkularisation Bestand hatte, als 1805 dann die Pfarrkirche St. Stephan mit ihrem Turm an den bayerischen Staat fiel. Der Kirchenbau wurde 1805 abgebrochen, als die Klosterkirche St. Jakob zur Pfarrkirche wurde. Im Kataster der Steuergemeinde Ensdorf fi ndet sich ein Eintrag von 1806, dass die politische Gemeinde die „alte Pfarrkirche dermal demoliert“ von der vorigen Landesregierung um 104 Gulden ersteigert hat. 1843 beschloss die Gemeindeversammlung, „dass der Schutt der alten eingegangenen Kirche weggeräumt und der Kirchhof (Friedhof) aufgeschüttet und eingeebnet werden muss“. 1845 geschah dies endlich. Der Turm blieb erfreulicherweise stehen. 1863 ist dann von der Baufälligkeit des Turms die Rede. Der Bericht der Baubehörde dazu: „Der Turm (hat) rücksichtlich seines Baustiles … keinen Wert.“ So fiel der Stephansturm in einen Dornröschenschlaf, der fast 150 Jahre dauern sollte.

Zum Bau

Im Vorfeld notwendiger Erhaltungsmaßnahmen wurden am Stephansturm in Ensdorf archäologische und bauforscherische Untersuchungen vorgenommen. Der Turm im alten Friedhof in der Dorfmitte ist 21 Meter hoch, allerdings liegt das ursprüngliche Fußbodenniveau 1,80m unter dem heutigen. Nachweislich wurde der Turm inklusive der Glockenstube in einem Zug erbaut. Der Treppengiebel stammt allerdings aus späterer Zeit. Ursprünglich deckte ein Pyramidendach den Turm.

Der übrige Turm ist mit Ausnahme von später durchgeführten Umbaumaßnahmen mit einem einheitlichen Steingefüge errichtet. Die verwendeten Materialien weisen auf eine ausgereifte Bautechnik und damit auf besonders sachkundige Baumeister hin. Die für die Abmauerung der Fensterbögen benötigten Schalhölzer wurden durch gespaltene und halbrund gebogene Weiden- oder Haselruten gehalten, die sich teilweise bis heute erhalten haben. Als Stilelement und als deutliche Abtrennung zwischen den Turmmauern und den großen Öffnungen wurde ein Sandsteinband eingebaut. Dieses Band war auch deutlich in der Farbe abgesetzt.

Der Turm wurde ebenfalls in der Erbauerzeit in der „pietra rasa“ Technik überschlämmt. Dies war vom ersten Tag an notwendig, da der verwendete Kalkstein nicht frosthart ist. Wohl stammte der verwendete Kalkstein aus einem Steinbruch, der vilsaufwärts abgebaut wurde, da das Baumaterial dann auf dem Wasserweg zur Baustelle gebracht werden konnte.

„Pietra rasa“ bedeutet „verstrichener Stein“: Der nach dem Aufsetzen des Steins aus der Fuge hervorquellende Mörtel wurde verstrichen, wobei unter Umständen große Teile des Bruchsteins abgedeckt wurden.

Sanierung

In den letzten Jahren des 20. Jh. tat sich eine Gruppe von Ensdorfern, die „Freunde des Stephansturms“, zusammen, um durch verschiedene Aktionen auf den schlechten Zustand des Stephansturms aufmerksam zu machen und eine Restaurierung vorzubereiten. Durch Spenden wurde es möglich, im Jahr 2003 eine hölzerne Innentreppe einzubauen. Diese erleichterte die späteren baulichen Untersuchungen und die Sanierung selber erheblich.

Der Gemeinderat Ensdorf beschloss in seiner Sitzung am 12.03.2009 die Restaurierung des Stephansturm und der Friedhofsmauer, am 14.05.2009 erfolgte die Auftragsvergabe und der sofortige Beginn der Arbeiten.

In den Jahren 2009-2010 erfolgte dann die vollständige Restaurierung des Stephansturms. Reste vom historischen Kalkanstrich konnten eindeutig nachgewiesen werden. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Turm in der Gotik und in der Barockzeit verputzt. Der Putz aus der Gotik konnte an einigen Stellen erhalten und gesichert werden, der größte Teil des Barockputzes war nicht mehr zu halten. Auch im frühen 20. Jh. wurde der Turm nochmals verputzt oder der vorhandene Putz ausgebessert. An Stellen, die lange Zeit nicht verputzt waren, sind die Steinschäden überdeutlich zu sehen, diese Steine wurden ausgebessert oder ersetzt.

Die historischen Einmauerungen der eingelassenen Gerüstquerhölzer wurden freigelegt, gesäubert und mit neuen Lärchenholzabschnitten verschlossen. Besonders gut erhaltene Hölzer wurden frei belassen. Der Höhenabstand von nur ca. 1,70m weist auch auf die Größe der Arbeiter (der Menschen) im Jahr 1075 hin. An vielen Bereichen des Turms wurden Fehlstellen im Mauerwerk durch „falsche“ Steine (Ziegel, Klinker) im Laufe der Jahrhunderte ersetzt. Diese wurden nun wieder berichtigt und mit Kalkstein ausgemauert.

Mit Ausnahme der Dachform und des Giebels präsentiert sich der Turm nun wieder in der Form, in der er 1075 von seinen Erbauern konzipiert war. Die Gesamtkosten der Sanierung belaufen sich auf ca. 303.000 €. Landesamt für Denkmalpfl ege, Landesstiftung, Bezirk Oberpfalz, Kirchenstiftung, Freunde des Stephansturms und die Gemeinde Ensdorf leisteten hierzu gemeinsam ihren Beitrag.

Text: Isabel Lautenschlager, Bilder: Markus Dollacker