Bericht von Architektin Carola Setz über die große Innenrenovierung

| Hans Babl | Mittelbayerische Zeitung

Nach dem Sonntagsgottesdienst, den die Blaskapelle Ensdorf unter Leitung von Hubert Haller mit fulminanten Klängen musikalisch umrahmte, blieben viele Kirchenbesucher, um dem Bericht von Architektin Carola Setz über die große Innenrenovierung zu lauschen.

„Jedes Gebäude hat seine Geschichte. Gerade bei großen Renovierungsarbeiten interessieren wir uns sehr für diese Geschichte“, so die Architektin. „Für die Entstehungsgeschichte, für die Baugeschichte und die Restaurierungsgeschichte.“ Hier verwies sie auf die Festschrift „300 Jahre Ensdorfer Pfarrkirche, welche diese gut recherchiert und kurzweilig wiedergibt.

Jedes Gebäude hat seine Geschichte und erzählt Geschichten. Einige wurden bei den vierjährigen Restaurierungsarbeiten aufgedeckt die nicht im Kirchenführer beschrieben sind. Diese brachte die Architektin nahe und die Kirchenbesucher „neugierig“. Tiere, ja gefräßige Monster, gibt es in der Ensdorfer Pfarrkirche St. Jakobus zu entdecken. Zum Beispiel die vielen Tierdarstellungen der Deckenfresken wie Pferde beim „Kampf gegen die Ungläubigen“ im großen mittleren Deckenfresko, aber auch Igel, Löwen, Adler vor allem in den Assistenzbildern. Oder den unter Firnisschichten wiederentdeckten kleinen Hund rechts unten am Hochaltarbild, die wiedergefundene Schlange im Kelch des Johannes, die Tiere der „Vergangenheit“. Schrotkugeln im und am Kuppelfresko. Wahrscheinlich wurden in früherer Zeit in die Kirche eingeflogene Vögel erschossen, wusste Carola Setz zu berichten. Dann berichtete sie über den „Kampf gegen Tiere bei der Restaurierung“, die großangelegte Vergasung der Holzwürmer anobium punctum, welche große Schäden angerichtet hatten.

„Restaurieren ist ein Kampf gegen Zerstörung“, betonte die Architektin. „Die Kämpfer sind die Kirchenmaler und Restauratoren, die Feinde sind der Schmutz und der Zahn der Zeit, das ‚Schlachtfeld’ sind die Kunstwerke.“ Dies klinge sehr heroisch, sie aber eigentlich die Arbeit des Sisyphus: Reinigen, Ergänzen und Retuschieren – manchmal auch Puzzeln. Als Beispiel nannte sie das Orgelgehäuse. Insgesamt mussten hier und in der Sakristei mehr als 100 kleinste Holzteilchen, die sich gelöst hatten, „zusammengepuzzelt“ werden. 

Carola Setz berichtete über den Umgang mit historischen Kunstwerken. Etwa über die Kuriosität: des gefundnen Nagels im Stuckkranz des Kuppelfreskos. „Ob als Halterung für ein Schnurgerüst oder als vergessenes ‚Behelfsbauteil einer früheren Einhausung – wir wissen es nicht.“ Ein Restaurator habe gemeint: „Vielleicht ist es der Nagel, an welchen die Restauratoren ihren Beruf hängen, wenn sie der großen Aufgabe nicht gerecht werden!“ Bezüglich neuer Kunstwerke erwähnte sie den Altarstein, den Ambo und den neuen Sockel des Taufsteins. Der dafür verwendete Kalkstein kommt aus einem Steinbruch bei Kelheim und wurde vor Ort von Kirchenverwaltung und Künstler ausgesucht.

Dann berichtete sie über den Krimi „Geschichten von alten Knochen und einem Leichenfund“. Alte Knochen – Reliquien der der Heiligen Timotheus und Aurelia waren schon im vorherigen hölzernen Volksaltar in einem Reliquienschrein verortet. Dieser wurde vor zwei Wochen bei der Altarweihe feierlich von Bischof Rudolf Voderholzer in das Reliquiengrab vor dem Altar eingesetzt. Auch von einem Leichenfund ist zu berichten. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten des bauzeitlichen Bodenbelags wurden auch Elektroleitungen für die Temperierung des Kirchengestühls verlegt. Die Leitungstrassen wurden in Bereichen angelegt, in den der Boden bereits stark geschädigt war, und die Platten daher sowieso aufgenommen und restauriert werden mussten. Einer dieser Bereich war im hinteren Drittel des Mittelganges. Hierbei brach die Tragschicht der Natursteinplatten ein. „Zutage kamen Holzreste und Teile eines Gerippes. Obwohl in den Archivalien keinerlei Bestattungen erwähnt waren, fand offensichtlich mindestens eine Bestattung im Kirchenraum statt. Es erfolgte äußerst kurzfristig ein Termin mit den zuständigen Archäologen des Landesamtes statt, bei dem festgelegt wurde, diesen Bereich nicht weiter zu öffnen, die Gebeine an selber Stelle zu belassen, den Fund zu dokumentieren und dann die Stelle wieder zu verschließen. Wer hier bestattet ist, ist unbekannt. Die Stelle ist mit einem kleinen Kreuz in der Bodenplatte markiert“, berichtete Architektin Carola Setz den vielen interessierten Besuchern.

Im Anschluss an ihre Ausführungen konnten die Kirchenbesucher im Kirchenraum und in der Sakristei umhergehen. Um das Beschrieben zu entdecken. Architektin Setz half ihnen bei der Suche und stand für weitere Fragen zur Verfügung.