HKV befasste sich mit Flüchtlingen

  |  Hans Babl |   Ensdorf.de, Mittelbayerische Zeitung

Der Heimat- und Kulturverein hat sich bei seinem letzten monatlichen Treffen mit dem Thema Flüchtlinge in der jetzigen Gemeinde Ensdorf nach dem 2. Weltkrieg befasst. Dazu hatte der Verein ehemalige Flüchtlinge und Vertrieben ins Gasthaus Dietz eingeladen.

Willi Breitkopf  hatte mit vielen gesprochen und berichtete darüber, wie er als siebeneinhalbjähriger Bub zusammen mit seinem älteren Bruder Josef, seiner Mutter Martha, Tante Ottilie Breitkopf und seinem Großvater Albert Schwarzer 1945 aus Leisnitz im Kreis Leobschütz, Regierungsbezirk Oppeln, geflohen ist. 

„Die Ortschaft Leisnitz hatte damals etwa 2000 Einwohner, hauptsächlich Landwirte. Zu einem Drittel wirtschaften die mit Kühen, zu zwei Drittel mit Pferden. Am 17. März 1945 flüchteten etwa 80 Fuhrwerke, einem so genannten Treck,  nach Westen Richtung Tschechei. Zu diesem Zeitpunkt brannten schon etliche Hofstellen durch Bomben und Beschuss der Russen. Seit Tagen waren die Einwohner gewarnt, dass die Flucht bevorsteht. Die Leute hatten schon alles vorbereitet. Der Treck bewegte sich nach Westen, quer durch die Tschechei  in Richtung Passau. Unser eigentliches aber war ja um die Tschechei herum wieder in unsere Heimat zu kommen. Dazu aber kam es nie mehr.“

Die mit Kühen unterwegs waren, mussten schon bald wieder umkehren, weil diese es nicht schafften, bzw. sie von der Front überrollt wurden. Unterwegs wurde der Treck, vor allem bestehend aus Frauen und Kindern, auch bereits Kriegerwitwen und alten Männern,  des Öfteren von Tieffliegern beschossen, wobei es Tote bei Mensch und Tier gab. Da versteckten wir uns unter den Wägen oder in Straßengräben“, weiß Breitkopf noch gut. Der letzte längere Aufenthalt von etwa einer Woche war Pfingsten 1945 in Krumau an der Moldau. Ab Passau gings dann auf der Ostmarkstraße über Cham, Burglengenfeld und Schmidmühlen ins Vilstal. Der ganze Treck war immer in zehn Wagengruppen aufgeteilt, um Staus zu vermeiden. „In Ensdorf blieben dann die letzten zehn Wägen mit 20 Pferden. Nach rund vier Monaten, im Juli 1945 landeten wir hier, wo die Fuhrwerke im Klosterhof und am Bahnhof aufgeteilt  wurden. Die meisten Leute waren auf der rund 700 Kilometer langen Flucht zu Fuß unterwegs. Auf den Wägen befand sich vor allem Futter für die Pferde und Platz für alte Leute und Kinder. In meiner Schultasche befanden sich meine ganzen Habseligkeiten“, erzählt Willi Breitkopf.

Eine Unterkunft musste sich dann jeder selbst suchen. In den Ensdorfer Bahnhof durften die Flüchtlinge nicht, obwohl dort zwei Räume frei gewesen wären, sogar mit getrennten Toiletten und Waschgelegenheit vorhanden waren. Drei Familien kamen in einem Zimmer der Mädchenschule, dem heutigen Kindergarten unter. Auch im Kloster fanden einige Familien eine Unterkunft. Bis Ende Oktober hatten dann alle ein Dach über dem Kopf. Die Familie Breitkopf hauste bis Ende Oktober in einem Stadel beim Sägewerk Senft, dann lebten sie zu acht in einem Zimmer bis 1953 beim Heimler, dann im alten Haus des Sägewerks Senft. In der ersten Zeit wurde ab und zu an der Vils über offenem Feuer auf einem Blech gekocht. „Kartoffelbrei und Brot war damals unsere Hauptnahrung“, berichtet Willi Breitkopf über die harte Zeit nach geglückter Flucht. „Gelebt haben wir auch vom Betteln und dem Geld, das die alten Leute noch mitgebracht hatten. Geld verdienten sich die Leute durch Arbeit bei den Bauern und vom Schwarz- und Preiselbeerzupfen sowie Schwammerlsuchen. Anfangs wurden wir oft als Zigeuner, später als Preussen oder ‚Saupreißn’ bezeichnet.“

Willi Breitkopf heiratete 1960 Johanna Kolenda, die ebenfalls 1945 mit demselben Treck aus Leisnitz nach Ensdorf gekommen war. 1963 bauten sie ein Haus in der Abt-Meiler-Straße, wo sie heute noch wohnen. Inzwischen haben sie schon fünfmal ihre alte Heimat besucht. Vor allem das erste Mal waren sie entsetzt davon, wie es dort aussah, wie heruntergekommen oder verbrannt die Häuser waren. Inzwischen wurde viel getan und gespendet, damit z. B. wenigstens die Kirche wieder ein Dach hat.

Eine Frau hätte nach Willi Breitkopf eine besondere Auszeichnung verdient: Anna Lehr. Sie hat drei Waisenkinder von Leisnitz bis nach Ensdorf gebracht, die zwei größeren in einem angehängten Handwagerl, das kleinste die ganze Strecke im Kinderwagen geschoben!

Ensdorf hatte damals etwa 800 Einwohner und hat nach dem Krieg  etwa 100 Flüchtlinge –alleine aus Leisnitz - aufgenommen. Dazu kamen noch 111 aus anderen Gegenden! In Thanheim fanden über 70 Flüchtlinge eine neue Heimat. Wie viele es in Wolfsbach waren, ist unbekannt.

Von den rund 100 Leisnitzer Flüchtlingen, die in Ensdorf eine neue Heimat gefunden haben, leben noch zehn hier: Anna Lehr, Martha Krause, Emil Schmidt, Paul Fröhlich, Johanna und Willi Breitkopf sowie Margarete Vogel und Georg Fröhlich in Wolfsbach und Cilli Götz in Thanheim.

Bilder

Das Haus der Breitkopfs, das bereits einen Tag nach der Flucht in Flammen aufging.
Der gebürtige Leisnitzer Franz Berla, jetzt Ruhestandspfarrer in St. Englmar, weiht in seiner Heimat einen Gedenkstein für die deutschen Toten.
Das Haus von Walter Schwarzer.
So sehen einst schmucke Häuser in Leisnitz heute aus.
Eine Straße in Leisnitz im Mai 1988.
Das Geburtshaus von Johanna Breitkopf, geborene Kolenda.
Johanna und Wille Breitkopf in ihrem Haus in Ensdorf mit den Enkeln Moritz und Jakob.